Interview mit Crowdspondent zu ihrer Politikrecherche

Am 23. April sprach ich mit Lisa Altmeier und Steffi Fetz über ihre aktuelle Politikrecherche:

Diesmal hab ich zusätzlich ein Video angefertigt! Leider gab´s ein paar technische Probleme bei der Aufzeichnung, aber es kommt ja auf den Inhalt des Gesprächs an und der ist gut zu verstehen :-).

Hören, Glauben und Recherchieren

Mit Radio- und Fernsehsendungen kann ich normalerweise gut einschlafen. Heute Nacht hat das überhaupt nicht geklappt.

Letzten Samstag hab ich die evangelische “Morgenandacht” im Deutschlandfunk gehört. In der Mediathek, denn um 6:35 Uhr bin ich oft nicht wach. Darin ist in Ausschnitten ein Lied zu hören, das mir zwar bekannt vorgekommen ist, aber das ich nicht gut kannte. Aus dem einfachen Grund: Ich höre eher selten diese Chartsdudler mit enger Musikrotation. Das Lied: “Wenn sie tanzt” von Max Giesinger. Aufgrund der langen Zitate des Songs hab ich gedacht: Interessant, so viel Popmusik morgens im DLF. Ich weiß sogar noch: ich setzte mich in diesem Moment aufs Sofa. Lied vorbei, umschalten.

Ich hatte gar nicht vor, mich an diesen Moment so genau zu erinnern, aber es ist dann doch passiert: Montag wurde es wieder mal Zeit für den Podcast des Medienmagazins von radioeins. Gleich zu Beginn Zitate von Böhmermann und Campino. Ehrlich gesagt, ich mag weder die Sendung von Jan Böhmermann noch die Musik von Sänger Campino. Aber in einem Punkt muss ich diesmal Campino Recht geben: Natürlich kann sich Musik sozial einsetzen. Der zitierten Beleidigung kann und will ich auf keinen Fall zustimmen. Um die Kritik von Jan Böhmermann zu verstehen, musste ich mir erstmal die 22 Minuten zum Thema Musik aus seiner Sendung vom 6. April anschauen. Gleich vorweg: Bei der Sache mit der Schleichwerbung gebe ich Jan Böhmermann völlig Recht. Schleichwerbung sollte nicht in Musikvideos vorkommen! Aber er kritisiert noch mehr: deutsche Popmusik am Beispiel der Musik von Max Giesinger. So zitiert er die Titel “80 Millionen” und “Wenn sie tanzt” – also damit auch den Titel, der einige Tage später in der “Morgenandacht” im DLF zu hören sein würde. Böhmermann kritisiert, dass die deutsche Popmusik keine politischen Standpunkte beziehen würde. Ich finde: Muss das Musik denn? Erlaubt die Kunstfreiheit nicht viel mehr, dass man sich aussuchen kann, ob man nur beschreibt oder kritisiert?

Von Journalismus wünschen sich viele Neutralität, warum sollte dann ein Lied nicht einfach beschreiben dürfen? Im Lied “Wenn sie tanzt” werden Schwierigkeiten einer alleinerziehenden Mutter erzählt. Muss in so einem Song unbedingt erklärt werden, wie genau man Alleinerziehenden helfen kann? Ich finde: Nein! Ein Lied ist keine Ratgebersendung! Und das Tanzen ist natürlich keine Lösung, die das Leben für Alleinerziehende leichter macht. Aber der Frau im Song bringt das Tanzen eine Pause vom Alltag. So verstehe ich das Lied. Im Video sieht man zusätzlich, von was sie träumt: Von schönen Landschaften und einem Abend mit Freundinnen. So sieht man sie beispielsweise in Berlin am Märchenbrunnen und an der Straßenbahnhaltestelle “Am Friedrichshain” (Ja, das hab ich extra recherchiert!).

Reicht ein solches Video, um sich zum Thema selbst eine Meinung zu bilden? Kann es Gefühle auslösen? Ja sicher! Dafür empfehle ich einfach mal die “Morgenandacht” nachzuhören! Da erzählt die Pfarrerin, was das Musikvideo bei ihr und einem Mädchen auslöst.

Böhmermann hat dann noch eine Parodie zu Giesingers Musik aufgenommen mit dem Titel “Menschen Leben Tanzen Welt”. Da hat er ganz richtig erkannt, welche Themen oft in Musik vorkommen. Und Parodien mag ich eigentlich. Beispielsweise “How to write a love song” der australischen Gruppe “Axis of Awesome”. Aber diese Parodie geht etwas zu weit finde ich: Von Affen ausgewählte Zitate zusammengesetzt zu einem Songtext. Ein Text mit wenig Zusammenhang. Das ist bei Giesinger überhaupt nicht der Fall. besonders im Tanz-Song wird eine Geschichte erzählt, keine Sprüche aneinandergereiht! Böhmermann bemängelt, dass die Lieder nicht politisch seien. Warum macht er dann kein Positivbeispiel? Ich hab vier Songs aus den aktuellen Charts – also 4 aus 99 – ausgewählt. 99, da ich das Lied von Jan Böhmermann ja nicht mit sich selbst vergleichen kann. Alle vier Songs hatten eine einfache Melodie. Aber keines hat einen annähernd so zusammensetzten Text wie der Song von Böhmermann. Sie alle erzählen eine Geschichte.

Ich finde, es war auch ein Fehler, dass das Lied bei Jörg Wagner im Medienmagazin von radioeins zu hören war. Hat Jan Böhmermann nicht schon genug Aufmerksamkeit? Und wenn er den Musikpreis “Echo” so sehr kritisiert: Warum will er dann, dass die Affen, die den Text für seinen Song auswählten, einen Preis bekommen?

Und jetzt etwas ganz, ganz persönliches: Normalerweise kritisiere ich selbst ständig: Mal die Medien, mal, wenn Leute Nachrichten nur von facebook statt aus gedruckten Zeitungen oder von Privatsendern statt von der tagesschau beziehen. Ich rede Unterhaltungssendungen schlecht und sage anderen: Warum guckt ihr so einen Blödsinn? Aber: Ich lasse mir keine Musik schlechtreden, die schön klingt! So viel Schönes muss sein! Das Lied ist schön, das Video ist schön. Es sorgt für Gefühle und Gespräche. Es zeigt ein Thema, ohne eine Meinung strikt vorzugeben. Es lädt zum Nachdenken ein. Daher: Danke an Max Giesinger und alle, die an dem Musikvideo mitgewirkt haben! Danke an Pastorin Claudia Aue für diese gute Morgenandacht! ich werde weiterhin regelmäßig die Sendungen der evangelischen Kirche im Radio hören und weiterhin regelmäßig die Sendungen von Jan Böhmermann nicht schauen. Für das Lied “Wenn sie tanzt” hab ich mittlerweile 1,29 Euro ausgegeben. Jetzt kann ich es mir immer wieder anhören. Immerhin 21 Cent davon gehen an den Staat. Hoffentlich wird der Betrag gut investiert. Steuern zahlt man für das Lied von Jan Böhmermann auch, aber ich finde: das von Max Giesinger ist viel schöner.

Dank Jörg Wagner und Jan Böhmermann bin ich jetzt Fan eines Songs von Max Giesinger und einer Morgenandacht von Claudia Aue. Ob das so gewollt war?

 

Quellen:

vevo.com: Musikvideo “Wenn sie tanzt” von Max Giesinger

zdf.de: Böhmermanns Kritik an der Musikindustrie

evangelisch.de: Morgenandacht von Claudia Aue

radioeins.de: Medienmagazin mit Jörg Wagner

KOMMENTAR: Zusammenschluss von ARD und ZDF? Gerne!

Nur noch eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt? Klappt in Großbritannien doch auch!

Die CSU will ARD und ZDF zusammenlegen, berichtet tagesschau.de und beruft sich dabei auf die „Bild am Sonntag“.  Die Idee ist nicht neu, aber wird zurecht wieder ins Spiel gebracht. Warum brauchen wir ARD, ZDF und Deutschlandradio als eigenständige Anstalten, wenn Großbritannien doch nur die BBC hat, Italien nur die RAI?

Verloren ginge uns mit einem Zusammenschluss ohnehin wenig: Regionalprogramme bietet nur die ARD, die bleiben also. Bundesweite Radioprogramme nur das Deutschlandradio, die fallen also auch nicht weg. Viele TV-Programme sind zudem bereits jetzt Kooperationsprogramme, wie „Phoenix“, „Kika“ und „3sat“, letzteres sogar international. „tagesschau24“ und „ZDFinfo“ stehen sowieso nicht in Konkurrenz gegenüber. Lediglich zwischen „one“ (bisher „Einsfestival“) und „zdfneo“ müsste man sich entscheiden. Denn selbst die Hauptprogramme von ARD und ZDF unterscheiden sich: Während das ZDF im Tagesprogramm zu einem großen Teil auf Krimis, Köche und Kicker setzt, sind es im „Ersten“ eher Serien, Quiz und Tiere. Man kann also die Programme als „erstes“ und „zweites“ Programm behalten, nur die Namen müssten angeglichen werden. Und Sendungen gleichen Typs, beispielsweise Politikmagazine? Redaktionen zusammenlegen und Sendung verlängern! Wo ist das Problem?

Während das ZDF im Tagesprogramm zu einem großen Teil auf Krimis, Köche und Kicker setzt, sind es im „Ersten“ eher Serien, Quiz und Tiere.

Zwei voneinander unabhängige Sender haben natürlich die Möglichkeit zwei konkurrierende Ansichten über politische Sachverhalte zu liefern. Meinungsvielfalt nennt sich das. Aber: Öffentlich-rechtliche sollten doch sowieso schon ausgewogen berichten. Wenn es nur noch einen Sender gibt, dann führt das sicher nicht dazu, dass es durchweg nur noch eine Meinung im Programm gibt.

Die Vorteile für die Zuschauer zeigen sich schon alleine bei großen Sportereignissen: Bisher muss man, wenn man zuschauen wollte, meist täglich den Sender wechseln. Für den Livestream heißt das: Zwei Seiten als Lesezeichen abspeichern oder zwei Apps installieren. Und dann immer schön wechseln. Apropos Sport: Volker Herres, Programmdirektor des „Ersten“ sah in der ARD-Pressekonferenz vom 28. Juni 2016 einen Wettbewerb zwischen ARD und ZDF um den Fußballexperten Mehmet Scholl, angesprochen auf das Gehalt des Experten (siehe hier ab ca. 55:44 min.). Dieser – wie ich finde, völlig unnötige – Wettbewerb entfiele. Denn: Ob Herr Scholl im Ersten oder im Zweiten zu sehen ist, ist denke ich mal den meisten Zuschauern egal, wichtig ist nur, dass sie ihn in den Fußballsendungen sehen können.

Zeit wird´s für einen Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten! Woanders reicht auch eine. Und das Suchen, auf welcher App heute Fußball oder Wintersport läuft und auf welcher ein Film hat ein Ende.

Interview mit Crowdspondent

Heute sprach ich mit Lisa Altmeier und Steffi Fetz über ihr Projekt Crowdspondent:Crowdspondent

Update 12.09.2016 – Transkript:

LISA ALTMEIER: Hallo, wir sind Lisa Altmeier …
STEFFI FETZ: … und Steffi Fetz und wir sind zusammen Crowdspondent und sind als Eure persönlichen Reporter in der ganzen Welt unterwegs.
ROBIN DABARS: Wie seid ihr eigentlich zum Journalismus gekommen?
STEFFI FETZ: Also ich glaube sehr klassisch bei mir durch ein Praktikum bei einer Lokalzeitung mit Reportagen beim Hundesalon und bei der Feuerwehr und so und dann auch viel Studentenzeitung gemacht und dann Praktikum beim Fernsehen beim ZDF, beim BR und dann waren wir zusammen auf der Deutschen Journalistenschule hier in München.
LISA ALTMEIER: Ja, bei mir war´s so: Ich hab´ immer schon gerne, sehr sehr gerne geschrieben, schon als Kind. Und irgendwann dann in der Unizeit auch angefangen, eher journalistische Sachen zu schreiben auch für eine Lokalzeitung hab dann mal auch beim Studentenfernsehen mitgemacht und nebenher beim WDR gearbeitet als ich noch in Köln gewohnt hab, genau. Und danach hab´ ich mich dann für die Journalistenschule beworben und war natürlich super glücklich, dass es geklappt hat und das war, glaube ich, für uns beide auch ein guter Start in den Beruf hier in München auf die DJS zu gehen, weil man da auch gleich ein großes Netzwerk hat.
ROBIN DABARS: Ist die Aufnahmeprüfung da eigentlich schwer?
LISA ALTMEIER: Ja, sie´s schon schwer, bzw. ich hab´ das Gefühl sie wird immer schwieriger! Weil: Jedes Jahr, wenn ich´s mir angucke denke ich: Ohje, die armen Leute die das jetzt beantworten müssen! Ja, also es ist schon schwierig, aber es ist auch schaffbar und es gibt auch viele Leute die sich einfach mehrfach bewerben das ist auch überhaupt gar kein Problem. Also, ich würde auch jedem raten, bei dem´s bei ersten Mal nicht klappt: Einfach nochmal versuchen, ja.
ROBIN DABARS: Was bedeutet denn eigentlich das Wort Crowdspondent?
[02:00]
LISA ALTMEIER: Wir beide sind die Korrespondentinnen der Crowd, also es ist sozusagen ein selbsterfundenes Wort, das einfach besagt, dass wir nicht für irgendeine Redaktion recherchieren, sondern für unsere Crowd, also für die User, die sich unsere Sachen anschauen und durchlesen wollen.
ROBIN DABARS: Wer hatte denn eigentlich die Idee?
STEFFI FETZ: Also, die Idee hatten wir vor drei Jahren zusammen, da waren wir noch auf der Journalistenschule hier in München und haben da einfach mal zusammen ‚rumgesponnen‘, weil wir beide nochmal was ausprobieren wollten bevor es so richtig losgeht und bevor wir in irgendwelchen Redaktionen sitzen; und haben dann beschlossen, dass wir nach Brasilien gehen und da als Reporter unterwegs sein wollen und irgendwie war uns das so ein bisschen zu langweilig und wir wollten noch was dazu erfinden.
ROBIN DABARS: In Brasilien, war das dann auch schon das Projekt von vor zwei Jahren?
LISA ALTMEIER: Genau, also vor drei Jahren war das ja in Brasilien, hatten wir uns auf ein Stipendium beworben vom „Vocer innovation media lab“, die fördern journalistische Ideen. Genau, und dann haben wir gesagt: Dann denken wir uns noch was Innovatives aus dann bezahlen die uns unseren Brasilientrip und dann haben wir gesagt: Ok, wir lassen einfach unsere Leser entscheiden was wir da überhaupt recherchieren sollen und bringen selbst eigentlich keine Themen ein, sondern lassen das alles von der Crowd bestimmen. Und das fanden die gut und haben uns dann das Geld gegeben.
STEFFI FETZ: Und es kam so ein bisschen aus dem Grund, weil wir das Gefühl hatten, dass Auslandsjournalismus immer so wahnsinnig weit weg ist und dass wir gerne so einen direkteren Draht zwischen den Journalisten und den Lesern uns vorstellen könnten oder gerne hätten und dann kam die Idee zu Crowdspondent.
ROBIN DABARS: Und ihr wart ja in Brasilien ihr wart in Japan, wie gut könnt ihr denn eigentlich Portugiesisch bzw. Japanisch?
[03:55]
LISA ALTMEIER: Naja, jetzt bitte keinen Sprachtest machen, weil ich glaube, da würden wir eher durchfallen. Also Portugiesisch konnten wir glaube ich nach den drei Monaten wirklich ganz gut, weil wir beide schon vorher Spanisch und Französisch gesprochen haben, das erleichtert das Ganze. Und Portugiesisch ist ja jetzt auch nicht so schwer. Japanisch ist schon so eine Sache. Also die Sprache, die mündliche Sprache ist eigentlich auch nicht so schwierig, aber trotzdem: Schon alleine, wenn Du eigentlich kein einziges Schriftzeichen lesen kannst, hast Du eigentlich ja schon ein Problem. Also da sind wir nicht sonderlich fortgeschritten und wir konnten uns irgendwie verständigen und auch was zu essen kaufen, und so weiter aber hatten dann doch im Zweifel immer jemanden, der für uns übersetzt hat.
ROBIN DABARS: Ihr habt ja in diesem Jahr wieder ein neues Projekt, um was geht´s denn da?
STEFFI FETZ: In diesem Jahr sind wir in Deutschland unterwegs und recherchieren da. Und zwar machen wir Politikjournalismus, weil wir irgendwie so das Gefühl hatten, als wir aus Japan wieder zurückgekommen sind, dass sich die Stimmung im Land ziemlich verändert hat und haben mit ein paar Leuten auch gesprochen, die plötzlich gesagt haben, sie reden mit ihren Freunden und Bekannten gar nicht mehr über Politik, was uns beide ziemlich erschreckt hat und wo wir gesagt haben: Ok, da muss man was machen. Wir finden es nämlich wichtig, dass man über Politik redet. Vor allem, weil es jetzt auch ein Jahr vor der Bundestagswahl 2017 ist und das schwierige ist ja auch immer, dass so viele politische Themen so kurzfristig dann behandelt werden, so kurz vorher, wenn man dann so eine Wahlentscheidung treffen muss und wir haben halt gesagt: Wir wollen uns ein bisschen längerfristig damit auseinandersetzen und schon ein Jahr vorher anfangen zu recherchieren und politische Themen zusammen mit der Crowd machen.
ROBIN DABARS: Kann´s dann auch sein, dass diese aktuelle Verunsicherung, die ja auch die Politik sehr beschäftigt, durch die verschiedenen Vorfälle, die ja hier in Bayern passiert sind, dass das auch Thema sein kann?
[05:52]
LISA ALTMEIER: Also wir starten am 1. August so richtig auch mit der ganzen Themensammelei. Ich kann mir gut vorstellen es dazu auch Fragen gibt, ja, aber wir wissen´s tatsächlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz genau.
ROBIN DABARS: Nehmt ihr eigentlich jeden Themenvorschlag der dann kommt auch an zum Recherchieren?
STEFFI FETZ: Nein, nein!
LISA ALTMEIER: Also wir können ja nicht alles recherchieren, wir bekommen immer viel mehr Themen. Das heißt, wir sortieren die: Alles was uns einigermaßen verständlich erscheint landet dann auch auf unserer Seite als Vorschlag und dann können die Nutzer nochmal darüber diskutieren. Aber wenn wir jetzt merken … Also einmal hatten wir so eine Frau die irgendwie Brennnesseltee verkaufen wollte oder sowas, … sowas fliegt dann raus. Genauso wie irgendwelche PR-Vorschläge, weil wir ja keine Unternehmenskommunikation machen, sondern wirklich Journalismus.
STEFFI FETZ: Genau, also mein „Nein“ war vor allem auf das Letztere bezogen. Also alle journalistischen Themen nehmen wir uns total gerne vor. Aber alles, was irgendwie so in die Richtung „Hey, berichte über mein tolles Produkt, das ist so wahnsinnig gut!“ ist, das kicken wir sofort raus.
LISA ALTMEIER: Und klar haben wir jetzt diesmal auch als Besonderheit diese Begrenzung, dass wir wirklich sagen: Es geht um Politik. Das heißt, da müssen wir wahrscheinlich auch ein bisschen stärker aussieben als sonst.
ROBIN DABARS: Gab´s denn eigentlich auch schon Themen, die zwar dann angenommen wurden von Euch aber dann wegen irgendwas dann doch nicht recherchiert werden konnten?
LISA ALTMEIER: Wir hatten, als wir vor zwei Jahren auch mal in Deutschland unterwegs waren, ein Thema, was wir eigentlich ganz spannend fanden, da ging´s um das Sorgerecht, um Sorgerechtsprozesse. Und das war tatsächlich in der Zeit, in der wir unterwegs waren, nicht zu realisieren. Das fanden wir total spannend, haben auch mit Anwälten telefoniert, usw. Aber wir hatten nichts, wo wir wirklich hätten dabei sein können und das war so ein großes, kompliziertes Thema, dass wir gesagt haben: Ok, das schaffen wir jetzt einfach in den letzten zwei, drei Wochen nicht mehr, das gut umzusetzen. Und so haben wir das erstmal beiseitegelegt obwohl es echt ein gutes Thema war wie wir fanden.
[08:00]
ROBIN DABARS: Und bei Themen, die sich umsetzen lassen, wie werden die dann veröffentlicht?
STEFFI FETZ: Wir veröffentlichen alle Themen bei uns auf dem Blog. Das heißt jeder hat freien Zugang zu allem, was wir veröffentlichen und produzieren. Und ja, zusätzlich veröffentlichen wir teilweise auch noch bei anderen Medien, also zum Beispiel bei der „Süddeutschen“ oder hatten auch schon eine kleine Fernsehsendung auf „EinsPlus“. Also bei uns gibt´s Videos vor allem, die man auch bei uns auf dem „YouTube“-Kanal gucken kann. Und ganz viele Texte und ganz viele so kleinere Snippets und wir haben auch schon mal einen Podcast gemacht!
ROBIN DABARS: Wie waren denn eigentlich bisher die Reaktionen der Nutzer oder auch von anderen Kollegen?
LISA ALTMEIER: Am Anfang war die Reaktion eher so: Hä, was wollt ihr denn da machen, das klappt doch eh nicht, da macht sowieso keiner mit, kein Leser will Themen einreichen. Das war dann relativ schnell klar, dass es nicht stimmt, weil es hatte vorher keiner so richtig ausprobiert. Wir dann schon und ja, also ich glaube, die Reaktionen sind ganz gut. Wir sind kein Massenmedium, wir haben ein paar Tausend Nutzer die uns auch finanziell teilweise unterstützen beim Crowdfunding und die uns Themen einschicken. Ich würde sagen wir haben eine relativ stetige Leser- und Zuschauerschaft, die jetzt nicht unfassbar groß ist, aber die sehr verlässlich ist und die auch gute Ideen einbringt und die auch ziemlich positiv ist. Wenn man sich so anguckt, was sonst in diesem Internet so los ist bezüglich Journalismus und „Facebook“ und sonstigen Kommentaren sind wir da eigentlich immer auf einer sehr konstruktiven Ebene mit unseren Nutzern.
[09:55]
ROBIN DABARS: Und Stichwort Crowdfunding: Es scheint ja auch immer noch genug Leute zu geben die dann auch regelmäßig spenden. Warum gab´s denn eigentlich gerade in den letzten Tagen erst so viel, dass es gereicht hat und vorher eher weniger?
LISA ALTMEIER: Tja, die Frage müsstest Du dann an unsere Zuschauer und Leser stellen und nicht an uns! Ja, es war eigentlich immer so, dass am Schluss nochmal dann ein großer Batzen gekommen ist. Also letztes Jahr war es genauso bei Japan. Deswegen haben wir uns, glaube ich auch weniger Sorgen gemacht als unsere Freunde teilweise. Ganz genau, ich glaub viele dachten dann: Oh Gott, es könnte nicht klappen, jetzt gebe ich aber echt, lege ich echt noch was drauf und am Ende haben wir auch 1500 Euro mehr bekommen als wir eigentlich haben wollten. Das hat uns dann auch überrascht, weil wir dachten dann auch es würde doch knapp werden.
STEFFI FETZ: Also es hat man ja auch voll oft ich kenn das von mir auch, dass man irgendwie so denkt: Ich muss es unbedingt noch machen und dann verschiebt man das immer so, und dann fällt es einem wieder ein. Also ich glaube es geht total vielen so. Und, was wir dann auch irgendwie erst so richtig festgestellt haben, als wir das Crowdfunding gestartet hatten: Wir haben das halt total in die „EM“-Zeit reingelegt, wo alle auch viel mit Fußball beschäftigt waren oder mit: Hey jetzt ist doch mal schönes Wetter, lass mal rausgehen. Aber es hat ja letztendlich doch geklappt.
LISA ALTMEIER: Und das Ende lag dann auch nach dem Finale bzw. auch nach dem Halbfinale, wo Deutschland dann rausgeflogen ist …
STEFFI FETZ: Also wir hatten Spaß!
LISA ALTMEIER: … und die Leute sich dann wieder anderen Sachen widmen konnten.
ROBIN DABARS: Was finanziert ihr eigentlich alles mit dem Geld?
[11:36]
STEFFI FETZ: Also jetzt in diesem Herbst finanzieren wir damit unsere politikjournalistische Recherche in Deutschland. Und wir wollen für unsere Zuschauer, User, Leser zehn Videos produzieren zu zehn verschiedenen politischen Themen. Und genau das ist das, was wir auch auf der „startnext“-Seite bei unserem Crowdfunding gesagt haben was wir machen werden. Und dazu gibt´s natürlich ganz viele Texte von uns auf dem Blog, die die Recherche und bisschen den Hintergrund dazu begleiten werden. Und damit finanzieren wir vor allem die Recherchereisen. Wenn Du von München aus in Deutschland umherfährst, dann ist es halt immer ganz schön weit südlich, ganz schön am Arsch, und dann brauchst Du einfach immer ein bisschen lang.
LISA ALTMEIER: Und natürlich finanzieren wir auch unsere Technik darüber. Wir haben eine Kamera, erneuern da auch unser Equipment relativ regelmäßig bzw. versuchen von Jahr zu Jahr ein bisschen besser zu werden und das geht auch nur, weil die User uns Geld geben und wir das dann so finanzieren können, weil wir zum Beispiel letztes Jahr aus Japan nicht sonderlich viel verkauft haben. Das heißt, wir sind wirklich darauf angewiesen, dass die Leute uns auch beim Crowdfunding unterstützen.
ROBIN DABARS: Und wann geht die Recherche los?
LISA ALTMEIER: Übermorgen geht´s los! Wir posten dann einen Aufruf und sagen nochmal: Hey, schickt uns Eure Themen! Ein paar Sachen sind schon eingetrudelt, aber dann geht’s halt richtig los. Und dann werden wir im August erstmal die Themen sortieren und inhaltlich schon mal einstiegen und ab Herbst werden wir dann „on the road“ sein und dann auch vor Ort Sachen recherchieren.
ROBIN DABARS: Und wann werden dann die einzelnen Sachen veröffentlicht, die einzelnen Ergebnisse?
LISA ALTMEIER: Das wissen wir noch nicht so genau.
STEFFI FETZ: Kommt auch ein bisschen darauf an, was für Themen jetzt reinkommen, welche Gesprächspartner wir dann dafür finden, wo wir hinmüssen, wie viel wir dafür drehen müssen. Also das können wir jetzt ehrlich noch nicht richtig sagen. Da wollen wir uns im August die Zeit dafür nehmen, das ein bisschen zu strukturieren und zu planen. Und wir lassen es die Crowd auf jeden Fall wissen.
[13:51]
LISA ALTMEIER: Das ist ja auch ein bisschen bei uns der Vorteil. Wir haben jetzt keine Deadline in dem Sinne, dass wir sagen: Scheiße, wir müssen jetzt nächste Woche irgendwas auf der Seite haben. Sondern wir können auch sagen: Oh, wir haben hier drei super Themen, die machen wir jetzt alle direkt hintereinander. Oder: Wir warten jetzt noch zwei Wochen, weil gerade wäre das Ergebnis wahrscheinlich noch nicht optimal.
ROBIN DABARS: Kann es auch sein, dass es vielleicht wieder eine Fernsehsendung gibt oder was im Radio, oder ….
LISA ALTMEIER: Kann sein. Aber bisher wissen wir das tatsächlich noch nicht, und unsere Hauptzielgruppe ist halt schon die Crowd. Es war teilweise dann schon so, dass irgendwelche Verlage oder Sender auf uns zugekommen sind noch kurz vorher. Das weiß man halt nie so ganz genau und wir würden uns da auch nicht drauf verlassen. Wie gesagt, letztes Jahr hatten wir keine größere Kooperation oder so da haben wir alles selbst finanziert. Deswegen: mal sehen.
STEFFI FETZ: Aber klar, wenn wir irgendwo anders das noch veröffentlichen können, ist das natürlich auch super, weil mehrere Leute das dann lesen können und klar würden wir uns dann auch freuen. Das ist jetzt nicht so, dass wir das kategorisch ausschließen. Aber so im ersten Schritt ist es so, dass wir eben mit unserer Crowd zusammenarbeiten wollen und das für die auch produzieren und im zweiten Schritt, wenn´s dann irgendwo anders noch veröffentlicht wird, ist es cool.
ROBIN DABARS: Dankeschön!
STEFFI FETZ: Danke Dir!
LISA ALTMEIER: Danke!

Hat Radio bei der Jugend noch Zukunft?

Musik sind Erinnerungen. Songs erinnern an schönes, weniger schönes, skurriles, lustiges. Deshalb höre ich immer wieder gerne rein in eine Playlist mit Songs, die mich zurück in die Vergangenheit tragen. Wie eine Zeitmaschine zeigen mir die Lieder noch einmal interessante Erlebnisse. Nicht die schönsten, nicht die interessantesten, aber die, die klar mit dem jeweiligen Song verbunden sind. Auch in der Playlist: Zwei Songs von Rihanna. Kürzlich fiel mir ein dritter Song vom Rihanna ein. 2006, vielleicht auch 2007, da muss es gewesen sein. “Unfaithful” heißt der Hit, der damals bekannt war, nicht zuletzt, weil er in der Hot Rotation vieler Stationen zu finden war. Ein trauriger Song, nicht mein Musikgeschmack. Mitschülern von damals gefiel der Song aber so gut, dass sie den sogar von CD abspielten, gerne auch in Dauerschleife: Sobald der nächste Song startete, ging einer ans Gerät und drückte “zurück”. Später schaltete dann ein anderer von CD auf UKW um, wahrscheinlich um beispielsweise den Lieblingsmoderator zu hören. Dies war möglich, weil das kein reiner CD-Player war, sondern auch UKW und Mittelwelle empfangen konnte. Aber im laufenden Radioprogramm dauerte es auch nur 20 Minuten, bis der Song ebenfalls zu hören war. Aber: Immerhin schaltete jemand auf Radio um! Und diese Person war nicht ich! Damals zumindest gab es also Jugendliche, die Radio einschalteten, selbst, wenn doch die Lieblings-CD griffbereit war! Welche Gründe kann es dafür geben? Radio lässt einen nichr allein, vom Frühstück bis zur Naturkatastrophe leicht empfangbar, kluge Musikmoderationen, bei denen man spannende Details erfahren kann, topaktuelle Infos obendrein.

Genauso kann ich mich noch daran erinnern, wie eine Mitschülerin UKW-Frequenzen an die Tafel schrieb! Oder auch, wie Mitschüler über bestimmte Radioaktionen sprachen. Naja gut, das letzte kann auch sein, weil ich denen davon erzählte, aber die ersten zwei Geschehnisse sind nicht durch mich ausgelöst! Besteht also noch Hoffnung, dass das Radio auch von jungen Leuten gehört wird? Ja? Hören die nicht sowieso alle Musik auf ihrem Smartphone und lesen die Nachrichten über News-Apps oder vermehrt über Social Media? Ich sehe in Zug und Bus vermehrt Kinder und Jugendliche mit Smartphone in der Hand und oft dazu mit Kopfhörer im Ohr. Als ich so alt war wie manche von denen mit Smartphone, war das “I-Phone” noch nicht erfunden! Und das ist auch vielleicht der Grund, warum meine Generation noch das Radio kennen und schätzen gelernt hat: Diese modernen Geräte gab es einfach noch nicht, schon gar nicht mit Millionen kostenloser Songs im Streaming! Musik gab’s auf CD und – wenn das Taschengeld aus war und man dennoch neue Musik kennenlernen wollte – im Radio! Klar gab’s Musikfernsehen, aber nicht alle hatten ein TV-Gerät im Zimmer! Also blieb den Leuten, die Anfang bis Mitte der 90er geboren wurden, meist nichts anderes übrig als Radiohören, um den Musikhorizont zu erweitern! Das Radio war das Tor zur Musikwelt und kann es heute noch sein!

Daher kann ich zumindest für meine Generation sagen: Es besteht noch Hoffnung! Denn Leute meiner Generation können noch ans Radio herangeführt werden, auch, wenn sie nicht sehr begeistert davon sind: Als auf DKultur noch der Hörertalk “2254” funkte, hörten auch gerne Mitschüler zu, wenn ich vorher ankündigte, dass ich versuchen würde dort durchzukommen. Vor noch ungefähr drei Jahren lief auf der Geburtstagsfeier einer Freundin “1LiveDiggi”; dieselbe hat dafür gesorgt, dass gut acht Monate zuvor unser damaliger Englischkurs auf “SWR1” zu hören war!

Die heute Anfang-20-jährigen können also denke ich noch zum Radio hingeführt werden, denn sie kennen es. Ein Teil hört es beim Autofahren (ein wohl größerer Teil hört da aber auch nur noch CD), ein Teil zur Hintergrundberieselung bei allen möglichen Tätigkeiten. Aber manche treffen zu Radio Aussagen wie: “Kommt nicht meine Musik”, “Musik? Hab doch ein Streamingabo”, “Infos? Schau mal, ich hab da so eine tolle App…”, “Hörfunkmagazine? Hab ich keine Zeit …” Die Frage ist also: Wie bekommen wir Radio wieder so hin, dass es attraktiv ist, trotz Streaming und Apps?

Bei den heutigen Jugendlichen wird es schwierig, die zum Radio zu bringen. Schließlich haben manche schon seit mehrere Jahren ein Smartphone. Wozu also Radio? Der WDR “Kiraka” ist ja nichtmal bundesweit zu empfangen. Und wie viele schalten danach das Jugendprogramm der ARD ein, wenn sie das Radio nicht richtig kennengelernt haben? Wird also mit meiner Generation auch das Radio sterben?

Kassettenzeitreise

Audiokassetten können echte Zeitzeugen sein. Zumindest, wenn sie ein Stück Geschichte abbilden. Hörspiele, die ein bestimmtes Bild der Gesellschaft abbilden, Musikkassetten, die eine bestimmte Epoche der Popgeschichte dokumentieren oder auch Hörfunkmitschnitte, in denen nicht nur die Musik stattfindet. Und weil ich vor zehn Jahren oft das laufende Radioprogramm mitschnitt, haben wir heute die Chance, eine kleine Zeitreise zu unternehmen. Zwar in die Neuzeit des Hörfunks, aber immerhin ein Jahrzehnt zurück.

Also dann, ab ins Jahr 2006. Genauer kann ich die Kassette leider nicht zuordnen, die in einer Schublade direkt neben dem Bett schon leicht verstaubte. Unsere Zeitmaschine: Ein altes, rundliches Radio, mit CD-Player, Kassettenschacht und FM-/AM-Empfang. Leider aber mit abgebrochener Antenne, von der nur noch ein kleiner Teil übrig ist. Ich muss mal Jörg Wagner vom „radioeins-Medienmagazin“ fragen, ob ich diesen Antennenstumpf noch erden kann. Aber das hat Zeit, denn wir wollen ja in die Vergangenheit, dafür braucht´s keine Antenne. Schon beim Einlegen der Kassette ins Fach geht´s gefühlt ein paar Jahre zurück. Wie lange habe ich das nicht mehr gemacht? Mit einem Geräusch ähnlich einer Sprungfeder schließt das Fach. Beim Abspielen stelle ich dann fest, dass das Radio technisch nicht mehr ganz in Ordnung ist, denn auf einer Seite des Kopfhörers höre ich alles um einiges lauter. Lösung, zumindest an diesem Gerät: Stecker halb raus, nun höre ich auf beiden Seiten alles gleich laut.
Zunächst verrät mir die Kassette anhand der Jingles, welchen Sender ich da aufgenommen hatte: „RPR1“. An einer Stelle mit Eigenwerbung höre ich mehrfach das Wort „Super-Hits“. Was heißt das eigentlich wörtlich auf Deutsch? Über-Schläge. Und die gab´s damals – so die Werbung im Programm – „im Megamix“, also in großer Mischung. Ob ich gleich Überschläge und Freudensprünge mache? Naja, jedenfalls überschlagen sich die kleinen Rädchen in der Audiokassette ständig. Immerhin! Wir sind übrigens in einer Sendung gelandet, in der man Menschen grüßen kann, die einem am Herzen liegen; in der man Liebesbriefe schreiben kann. Die Sendung lässt also zumindest Herzen höher schlagen. Wie bitte, Mittwochabend haben wir? So spät? Naja, scheint mir in der sechsten Schulklasse nicht geschadet zu haben so spät wach zu bleiben.
Natürlich ist da eine Menge Musik auf dem Band. Auch Songs, an die ich mich nicht mehr so richtig erinnern kann. Beispielsweise: „Pieces of a dream“ von Anastacia. Mich erinnert er an einen ESC-Titel der letzten fünf Jahre. Weiß aber gerade nicht welchen. Mit vier Minuten ist dieser Song in dieser Fassung sowieso zu lang für den Wettbewerb. Später folgen Lieder, die heute noch – wie ich finde zu oft – gespielt werden. Endlich mal ein guter Grund weiterzuspulen. Ist gleich drei Uhr, jedenfalls im Jahr 2016. Damals ging es in Richtung 23 Uhr. Ja, Vorspulen entschleunigt. Bei „SWR3“ war früher fürs Entschleunigen die „Kai-Karsten-Show“ zwischen 14 und 16 Uhr zuständig, aber heute Nacht hilft für zumindest einige Sekunden eine beliebige Audiokassette. Wer mehrere Minuten nach vorne will, muss mehrere Sekunden warten. Kein Mausklick an die gewünschte Stelle, man muss suchen! Eine Chance, sich in Geduld zu üben.
Zeit für die Nachrichten und die Möglichkeit, das Ziel unserer Zeitreise genauer zu definieren: Mittwoch, 4. Januar 2006. Denn „RPR1“ berichtet von einem Schlaganfall des mittlerweile verstorbenen israelischen Politikers Scharon und vom Einsturz eines Hallendaches in Bad Reichenhall. Klack! Oh, schon vorbei? Nein, gibt ja noch Seite B! Also gleich nochmal entspannen, Kassette umdrehen, einsetzen. Aber wir müssen einen Zeitsprung gemacht haben, die Nachrichten laufen schon lange nicht mehr. Beim aktuellen Song ergreife ich die Chance ein paar Toneffekte auszuprobieren. Play langsam herunterdrücken, Play und dann Pause halb herunterdrücken, und so weiter. Hat mir als Kind immer Spaß gemacht und auch oft Bandsalat verursacht, aber heute geht alles gut. Früher hatte ich auch Freude daran ganze Kassetten mit Verkehrsfunk aufzuzeichnen. Warum auch immer, hab bis heute keinen Führerschein. Aber Straßen faszinierten mich schon damals.
Statt einer Moderatorin hören wir aktuell einen Moderator. Aber wir sind gleich wieder in der Sendung mit den Liebesbriefen, so die Ankündigung. Es ist wohl genau einen Tag später. Oh, die Frequenz wechselt! Wir sind nun auf der Mittelwelle gelandet! Und wechseln so schnell das Programm, dass die einzelnen Wortfetzen zusammen überhaupt keinen Sinn machen. Auch hier geht’s kurz um Israel, aber schnell sind wir wieder auf UKW und bei „RPR1“. Dort dürfen wir uns Geschichten aus Liebesbeziehungen anhören. Gibt´s solche Sendungen eigentlich heute noch? Und: Welche der Beziehungen vom 5. Januar 2006 bestehen bis heute? Über 3800 Tage später?
Es folgt ein Song von Juanes. Aber nicht das mit dem schwarzen Hemd, sondern „Volverte a ver“. Ja, eigentlich lerne ich gerade Spanisch. Hab aber nachts keine Ahnung was das heißen könnte. Aah, dieses alte Radio! Jetzt ist alles so laut, dass mir fast die Ohren wegfliegen! Irgendwo an der Lautstärke ist ein Wackelkontakt. Nun habe ich aber genug. Genug Zeit, die Ohren zu schonen und zumindest etwas Zeit zum Schlafen. In fünf Stunden geht´s an der Uni weiter. Mit dem Spanischkurs. Gibt noch einiges an Spanischkenntnissen aufzuholen. Und zwar in 2016.

Kurz vor Veröffentlichung dieses Textes war ich wieder neugierig eine der alten Kassetten zu hören. Und was finde ich? Eine Ausgabe der wunderbaren Reihe “SWR3 Lyrix” – zum Song “We cry” von “The Script”! Ich erinnere mich noch heute, wenn ich den Song höre, an die Übersetzung und das Echo bei so manchem Wort. Was ich nicht mehr wusste: Ich hab das auf Kassette! Interessant, dass “SWR3” nicht wörtlich übersetzt und so ein kleines, neues Kunstwerk entsteht! Und das beste: Es wurde noch nicht depubliziert. Also, viel Spaß beim Lesen!
http://www.swr3.de/musik/lyrix/Script-The-Together-We-Cry/-/id=47416/did=416228/1pd8ez9/index.html