Schlanker, aber qualitativ hoher Rundfunk? Das geht!

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Wir müssen mal wieder reden. Über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, über die ARD, das ZDF und das Deutschlandradio. So sehr ich vieles auch kritisiere: Meist kritisiere ich meine Lieblingssendungen, den Rest bekomme ich nämlich fast gar nicht mit. Aber meine Lieblingssendungen, auf die möchte ich nicht verzichten. Deswegen bin ich auch klar für einen Fortbestand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Aber müssen es denn gleich drei Anstalten sein, von denen jeweils zwei Fernsehen und Radio machen? „Schlanker, aber qualitativ hoher Rundfunk? Das geht!“ weiterlesen

Über paradiesische Papiere und Fehler im Journalismus

Schnelllebige Zeiten in den Medien: Gestern noch „Babylon Berlin“, heute schon die „Paradise Papers“. Immer wieder wird sprichwörtlich eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Wer gestern meine Tweets gelesen hat, wird sich doch sehr gewundert haben wie kritisch ich über die Veröffentlichungen der paradiesischen Papiere geschrieben habe. Und so manche fragt sich: Was soll das? „Über paradiesische Papiere und Fehler im Journalismus“ weiterlesen

Hören, Glauben und Recherchieren

Mit Radio- und Fernsehsendungen kann ich normalerweise gut einschlafen. Heute Nacht hat das überhaupt nicht geklappt.

Letzten Samstag hab ich die evangelische „Morgenandacht“ im Deutschlandfunk gehört. In der Mediathek, denn um 6:35 Uhr bin ich oft nicht wach. Darin ist in Ausschnitten ein Lied zu hören, das mir zwar bekannt vorgekommen ist, aber das ich nicht gut kannte. Aus dem einfachen Grund: Ich höre eher selten diese Chartsdudler mit enger Musikrotation. Das Lied: „Wenn sie tanzt“ von Max Giesinger. Aufgrund der langen Zitate des Songs hab ich gedacht: Interessant, so viel Popmusik morgens im DLF. Ich weiß sogar noch: ich setzte mich in diesem Moment aufs Sofa. Lied vorbei, umschalten.

Ich hatte gar nicht vor, mich an diesen Moment so genau zu erinnern, aber es ist dann doch passiert: Montag wurde es wieder mal Zeit für den Podcast des Medienmagazins von radioeins. Gleich zu Beginn Zitate von Böhmermann und Campino. Ehrlich gesagt, ich mag weder die Sendung von Jan Böhmermann noch die Musik von Sänger Campino. Aber in einem Punkt muss ich diesmal Campino Recht geben: Natürlich kann sich Musik sozial einsetzen. Der zitierten Beleidigung kann und will ich auf keinen Fall zustimmen. Um die Kritik von Jan Böhmermann zu verstehen, musste ich mir erstmal die 22 Minuten zum Thema Musik aus seiner Sendung vom 6. April anschauen. Gleich vorweg: Bei der Sache mit der Schleichwerbung gebe ich Jan Böhmermann völlig Recht. Schleichwerbung sollte nicht in Musikvideos vorkommen! Aber er kritisiert noch mehr: deutsche Popmusik am Beispiel der Musik von Max Giesinger. So zitiert er die Titel „80 Millionen“ und „Wenn sie tanzt“ – also damit auch den Titel, der einige Tage später in der „Morgenandacht“ im DLF zu hören sein würde. Böhmermann kritisiert, dass die deutsche Popmusik keine politischen Standpunkte beziehen würde. Ich finde: Muss das Musik denn? Erlaubt die Kunstfreiheit nicht viel mehr, dass man sich aussuchen kann, ob man nur beschreibt oder kritisiert?

Von Journalismus wünschen sich viele Neutralität, warum sollte dann ein Lied nicht einfach beschreiben dürfen? Im Lied „Wenn sie tanzt“ werden Schwierigkeiten einer alleinerziehenden Mutter erzählt. Muss in so einem Song unbedingt erklärt werden, wie genau man Alleinerziehenden helfen kann? Ich finde: Nein! Ein Lied ist keine Ratgebersendung! Und das Tanzen ist natürlich keine Lösung, die das Leben für Alleinerziehende leichter macht. Aber der Frau im Song bringt das Tanzen eine Pause vom Alltag. So verstehe ich das Lied. Im Video sieht man zusätzlich, von was sie träumt: Von schönen Landschaften und einem Abend mit Freundinnen. So sieht man sie beispielsweise in Berlin am Märchenbrunnen und an der Straßenbahnhaltestelle „Am Friedrichshain“ (Ja, das hab ich extra recherchiert!).

Reicht ein solches Video, um sich zum Thema selbst eine Meinung zu bilden? Kann es Gefühle auslösen? Ja sicher! Dafür empfehle ich einfach mal die „Morgenandacht“ nachzuhören! Da erzählt die Pfarrerin, was das Musikvideo bei ihr und einem Mädchen auslöst.

Böhmermann hat dann noch eine Parodie zu Giesingers Musik aufgenommen mit dem Titel „Menschen Leben Tanzen Welt“. Da hat er ganz richtig erkannt, welche Themen oft in Musik vorkommen. Und Parodien mag ich eigentlich. Beispielsweise „How to write a love song“ der australischen Gruppe „Axis of Awesome“. Aber diese Parodie geht etwas zu weit finde ich: Von Affen ausgewählte Zitate zusammengesetzt zu einem Songtext. Ein Text mit wenig Zusammenhang. Das ist bei Giesinger überhaupt nicht der Fall. besonders im Tanz-Song wird eine Geschichte erzählt, keine Sprüche aneinandergereiht! Böhmermann bemängelt, dass die Lieder nicht politisch seien. Warum macht er dann kein Positivbeispiel? Ich hab vier Songs aus den aktuellen Charts – also 4 aus 99 – ausgewählt. 99, da ich das Lied von Jan Böhmermann ja nicht mit sich selbst vergleichen kann. Alle vier Songs hatten eine einfache Melodie. Aber keines hat einen annähernd so zusammensetzten Text wie der Song von Böhmermann. Sie alle erzählen eine Geschichte.

Ich finde, es war auch ein Fehler, dass das Lied bei Jörg Wagner im Medienmagazin von radioeins zu hören war. Hat Jan Böhmermann nicht schon genug Aufmerksamkeit? Und wenn er den Musikpreis „Echo“ so sehr kritisiert: Warum will er dann, dass die Affen, die den Text für seinen Song auswählten, einen Preis bekommen?

Und jetzt etwas ganz, ganz persönliches: Normalerweise kritisiere ich selbst ständig: Mal die Medien, mal, wenn Leute Nachrichten nur von facebook statt aus gedruckten Zeitungen oder von Privatsendern statt von der tagesschau beziehen. Ich rede Unterhaltungssendungen schlecht und sage anderen: Warum guckt ihr so einen Blödsinn? Aber: Ich lasse mir keine Musik schlechtreden, die schön klingt! So viel Schönes muss sein! Das Lied ist schön, das Video ist schön. Es sorgt für Gefühle und Gespräche. Es zeigt ein Thema, ohne eine Meinung strikt vorzugeben. Es lädt zum Nachdenken ein. Daher: Danke an Max Giesinger und alle, die an dem Musikvideo mitgewirkt haben! Danke an Pastorin Claudia Aue für diese gute Morgenandacht! ich werde weiterhin regelmäßig die Sendungen der evangelischen Kirche im Radio hören und weiterhin regelmäßig die Sendungen von Jan Böhmermann nicht schauen. Für das Lied „Wenn sie tanzt“ hab ich mittlerweile 1,29 Euro ausgegeben. Jetzt kann ich es mir immer wieder anhören. Immerhin 21 Cent davon gehen an den Staat. Hoffentlich wird der Betrag gut investiert. Steuern zahlt man für das Lied von Jan Böhmermann auch, aber ich finde: das von Max Giesinger ist viel schöner.

Dank Jörg Wagner und Jan Böhmermann bin ich jetzt Fan eines Songs von Max Giesinger und einer Morgenandacht von Claudia Aue. Ob das so gewollt war?

 

Quellen:

vevo.com: Musikvideo „Wenn sie tanzt“ von Max Giesinger

zdf.de: Böhmermanns Kritik an der Musikindustrie

evangelisch.de: Morgenandacht von Claudia Aue

radioeins.de: Medienmagazin mit Jörg Wagner

KOMMENTAR: Zusammenschluss von ARD und ZDF? Gerne!

Nur noch eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt? Klappt in Großbritannien doch auch!

Die CSU will ARD und ZDF zusammenlegen, berichtet tagesschau.de und beruft sich dabei auf die „Bild am Sonntag“.  Die Idee ist nicht neu, aber wird zurecht wieder ins Spiel gebracht. Warum brauchen wir ARD, ZDF und Deutschlandradio als eigenständige Anstalten, wenn Großbritannien doch nur die BBC hat, Italien nur die RAI?

Verloren ginge uns mit einem Zusammenschluss ohnehin wenig: Regionalprogramme bietet nur die ARD, die bleiben also. Bundesweite Radioprogramme nur das Deutschlandradio, die fallen also auch nicht weg. Viele TV-Programme sind zudem bereits jetzt Kooperationsprogramme, wie „Phoenix“, „Kika“ und „3sat“, letzteres sogar international. „tagesschau24“ und „ZDFinfo“ stehen sowieso nicht in Konkurrenz gegenüber. Lediglich zwischen „one“ (bisher „Einsfestival“) und „zdfneo“ müsste man sich entscheiden. Denn selbst die Hauptprogramme von ARD und ZDF unterscheiden sich: Während das ZDF im Tagesprogramm zu einem großen Teil auf Krimis, Köche und Kicker setzt, sind es im „Ersten“ eher Serien, Quiz und Tiere. Man kann also die Programme als „erstes“ und „zweites“ Programm behalten, nur die Namen müssten angeglichen werden. Und Sendungen gleichen Typs, beispielsweise Politikmagazine? Redaktionen zusammenlegen und Sendung verlängern! Wo ist das Problem?

Während das ZDF im Tagesprogramm zu einem großen Teil auf Krimis, Köche und Kicker setzt, sind es im „Ersten“ eher Serien, Quiz und Tiere.

Zwei voneinander unabhängige Sender haben natürlich die Möglichkeit zwei konkurrierende Ansichten über politische Sachverhalte zu liefern. Meinungsvielfalt nennt sich das. Aber: Öffentlich-rechtliche sollten doch sowieso schon ausgewogen berichten. Wenn es nur noch einen Sender gibt, dann führt das sicher nicht dazu, dass es durchweg nur noch eine Meinung im Programm gibt.

Die Vorteile für die Zuschauer zeigen sich schon alleine bei großen Sportereignissen: Bisher muss man, wenn man zuschauen wollte, meist täglich den Sender wechseln. Für den Livestream heißt das: Zwei Seiten als Lesezeichen abspeichern oder zwei Apps installieren. Und dann immer schön wechseln. Apropos Sport: Volker Herres, Programmdirektor des „Ersten“ sah in der ARD-Pressekonferenz vom 28. Juni 2016 einen Wettbewerb zwischen ARD und ZDF um den Fußballexperten Mehmet Scholl, angesprochen auf das Gehalt des Experten (siehe hier ab ca. 55:44 min.). Dieser – wie ich finde, völlig unnötige – Wettbewerb entfiele. Denn: Ob Herr Scholl im Ersten oder im Zweiten zu sehen ist, ist denke ich mal den meisten Zuschauern egal, wichtig ist nur, dass sie ihn in den Fußballsendungen sehen können.

Zeit wird´s für einen Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten! Woanders reicht auch eine. Und das Suchen, auf welcher App heute Fußball oder Wintersport läuft und auf welcher ein Film hat ein Ende.

Hat Radio bei der Jugend noch Zukunft?

Musik sind Erinnerungen. Songs erinnern an schönes, weniger schönes, skurriles, lustiges. Deshalb höre ich immer wieder gerne rein in eine Playlist mit Songs, die mich zurück in die Vergangenheit tragen. Wie eine Zeitmaschine zeigen mir die Lieder noch einmal interessante Erlebnisse. Nicht die schönsten, nicht die interessantesten, aber die, die klar mit dem jeweiligen Song verbunden sind. Auch in der Playlist: Zwei Songs von Rihanna. Kürzlich fiel mir ein dritter Song vom Rihanna ein. 2006, vielleicht auch 2007, da muss es gewesen sein. „Unfaithful“ heißt der Hit, der damals bekannt war, nicht zuletzt, weil er in der Hot Rotation vieler Stationen zu finden war. Ein trauriger Song, nicht mein Musikgeschmack. Mitschülern von damals gefiel der Song aber so gut, dass sie den sogar von CD abspielten, gerne auch in Dauerschleife: Sobald der nächste Song startete, ging einer ans Gerät und drückte „zurück“. Später schaltete dann ein anderer von CD auf UKW um, wahrscheinlich um beispielsweise den Lieblingsmoderator zu hören. Dies war möglich, weil das kein reiner CD-Player war, sondern auch UKW und Mittelwelle empfangen konnte. Aber im laufenden Radioprogramm dauerte es auch nur 20 Minuten, bis der Song ebenfalls zu hören war. Aber: Immerhin schaltete jemand auf Radio um! Und diese Person war nicht ich! Damals zumindest gab es also Jugendliche, die Radio einschalteten, selbst, wenn doch die Lieblings-CD griffbereit war! Welche Gründe kann es dafür geben? Radio lässt einen nichr allein, vom Frühstück bis zur Naturkatastrophe leicht empfangbar, kluge Musikmoderationen, bei denen man spannende Details erfahren kann, topaktuelle Infos obendrein.

Genauso kann ich mich noch daran erinnern, wie eine Mitschülerin UKW-Frequenzen an die Tafel schrieb! Oder auch, wie Mitschüler über bestimmte Radioaktionen sprachen. Naja gut, das letzte kann auch sein, weil ich denen davon erzählte, aber die ersten zwei Geschehnisse sind nicht durch mich ausgelöst! Besteht also noch Hoffnung, dass das Radio auch von jungen Leuten gehört wird? Ja? Hören die nicht sowieso alle Musik auf ihrem Smartphone und lesen die Nachrichten über News-Apps oder vermehrt über Social Media? Ich sehe in Zug und Bus vermehrt Kinder und Jugendliche mit Smartphone in der Hand und oft dazu mit Kopfhörer im Ohr. Als ich so alt war wie manche von denen mit Smartphone, war das „I-Phone“ noch nicht erfunden! Und das ist auch vielleicht der Grund, warum meine Generation noch das Radio kennen und schätzen gelernt hat: Diese modernen Geräte gab es einfach noch nicht, schon gar nicht mit Millionen kostenloser Songs im Streaming! Musik gab’s auf CD und – wenn das Taschengeld aus war und man dennoch neue Musik kennenlernen wollte – im Radio! Klar gab’s Musikfernsehen, aber nicht alle hatten ein TV-Gerät im Zimmer! Also blieb den Leuten, die Anfang bis Mitte der 90er geboren wurden, meist nichts anderes übrig als Radiohören, um den Musikhorizont zu erweitern! Das Radio war das Tor zur Musikwelt und kann es heute noch sein!

Daher kann ich zumindest für meine Generation sagen: Es besteht noch Hoffnung! Denn Leute meiner Generation können noch ans Radio herangeführt werden, auch, wenn sie nicht sehr begeistert davon sind: Als auf DKultur noch der Hörertalk „2254“ funkte, hörten auch gerne Mitschüler zu, wenn ich vorher ankündigte, dass ich versuchen würde dort durchzukommen. Vor noch ungefähr drei Jahren lief auf der Geburtstagsfeier einer Freundin „1LiveDiggi“; dieselbe hat dafür gesorgt, dass gut acht Monate zuvor unser damaliger Englischkurs auf „SWR1“ zu hören war!

Die heute Anfang-20-jährigen können also denke ich noch zum Radio hingeführt werden, denn sie kennen es. Ein Teil hört es beim Autofahren (ein wohl größerer Teil hört da aber auch nur noch CD), ein Teil zur Hintergrundberieselung bei allen möglichen Tätigkeiten. Aber manche treffen zu Radio Aussagen wie: „Kommt nicht meine Musik“, „Musik? Hab doch ein Streamingabo“, „Infos? Schau mal, ich hab da so eine tolle App…“, „Hörfunkmagazine? Hab ich keine Zeit …“ Die Frage ist also: Wie bekommen wir Radio wieder so hin, dass es attraktiv ist, trotz Streaming und Apps?

Bei den heutigen Jugendlichen wird es schwierig, die zum Radio zu bringen. Schließlich haben manche schon seit mehrere Jahren ein Smartphone. Wozu also Radio? Der WDR „Kiraka“ ist ja nichtmal bundesweit zu empfangen. Und wie viele schalten danach das Jugendprogramm der ARD ein, wenn sie das Radio nicht richtig kennengelernt haben? Wird also mit meiner Generation auch das Radio sterben?