Schlanker, aber qualitativ hoher Rundfunk? Das geht!

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Wir müssen mal wieder reden. Über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, über die ARD, das ZDF und das Deutschlandradio. So sehr ich vieles auch kritisiere: Meist kritisiere ich meine Lieblingssendungen, den Rest bekomme ich nämlich fast gar nicht mit. Aber meine Lieblingssendungen, auf die möchte ich nicht verzichten. Deswegen bin ich auch klar für einen Fortbestand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Aber müssen es denn gleich drei Anstalten sein, von denen jeweils zwei Fernsehen und Radio machen?

Bereits vor etwa eineinhalb Jahren hab ich in einem Kommentar begründet, warum ein Zusammenschluss der Öffentlich-rechtlichen gut fände. Als Gründe nannte ich, dass eine – wie ich finde, unnötige – Konkurrenz um Personal wegfiele und für die Nutzer das Suchen, wo sie gerade Sport schauen können. War jetzt neulich bei den Winterspielen wieder aktuell: Man konnte im „Sportschau Livevideocenter“ vier Streams aufrufen. Das Hauptprogramm und drei Zusatzstreams. Das Hauptprogramm war aber nicht immer das Programm, in dem gerade Olympia lief, sondern immer „Das Erste“. Man musste also immer mal wieder wechseln. Das fiele weg, wenn man ARD und ZDF unter einem Dach hätte. Man hätte außerdem eine Mediathek für alles im Fernsehen. Fürs Radio gibt´s ja mittlerweile die „ARD Audiothek“, in der man ausgewählte Audios auch vom DLF finden kann. Ja, ausgewählte. Nicht alle Podcasts, die es gibt. Das Angebot ist redaktionell kuratiert. Das ist ja auch erstmal gut, Aber meine Lieblingsnachrichtensendungen finde ich da nicht.

Und was wäre mit der Vielfalt in den Nachrichten? Naja, die Auslandsstudios von ARD und ZDF könnten besser zusammenarbeiten und verschiedene Ansichten könnten ja die verschiedenen Reporter dennoch zeigen. Ich erinnere mich mal – ohne genau das Datum zu wissen – in demselben Programm in zwei verschiedenen Sendungen zwei verschiedene Ansichten über eine Spielszene im Fußball gehört zu haben. Von zwei verschiedenen Reportern. Also, geht doch! Politische Kommentare werden wohl auch nicht weniger vielfältig, wenn man für dieselbe Sendung auf mehr Menschen zurückgreifen könnte. Und die meisten Fernsehprogramme würden ja – wie in meinem früheren Kommentar erklärt – auch bleiben. Gegebenenfalls bekämen Sie andere Namen.

Aber wie genau stelle ich mir eine Zusammenlegung der öffentlich-rechtlichen Anstalten vor? Insbesondere beim Radio? Denn dazu hab ich bisher noch nicht viel gesagt, obwohl man da wohl am meisten zusammenlegen könnte. Nun aber erstmal, wie ein öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Zukunft aussehen könnte – wie ich finde angelehnt an das große Vorbild BBC, aber auch bisschen an SRF und ORF:

  • ARD 1 – das bisherige erste Programm, aber mit Schwerpunkt auf Informationen, Dokus, große Sportereignisse. Behält die „tagesschau“ und das „nachtmagazin“.
  • ARD 2 – das bisherige ZDF, aber mit vielen der fiktionalen Inhalten aus dem bisherigen Ersten, beispielsweise den Krimis („Tatort“). Kann auch gerne bei dem – wie ich finde viel zu hohen – Krimianteil bleiben. Behält das „heute-journal“, die bisherige Nachrichtenredaktion wird in „ARD aktuell“ eingegliedert, Sendung kommt dann auch aus Hamburg (aus dem ARD-Studio), darf aber weitestgehend eigenständig die Sendungsinhalte bestimmen und eigenständig Themen setzen.
  • tagesschau24 – kann auch so bleiben, kann gegebenenfalls zu einem Rund-um-die-Uhr-Nachrichtenkanal ausgebaut werden.
  • ARD 3 – Dokukanal, das bisherige ZDFinfo. Gut, kann mit der Nummer verwirrend sein („dritte Programme“), von mir aus auch ARD Doku.
  • ARD alpha – kann so bleiben.
  • 3satarte, KiKA, phoenix – Gemeinschaftsprogramme, teilweise mit anderen Ländern. Können unverändert so bleiben.
  • one und ZDFneo – richten sich beide an junge Erwachsene, die sowieso oft auf nicht-lineare Inhalte zurückgreifen. Ich sehe da keine großen Probleme, beides zusammenzulegen.
  • Dritte Programme – können auch weitestgehend so bleiben, sollten aber bitte alle die „tagesschau“ zeigen (Hallo, MDR :-)).

Und – bei Thema „Dritte“ auch wichtig: Einheitlich gestaltete Webseiten. Nein, keine Gleichschaltung der Inhalte. Nur das Aussehen soll ähneln, damit man weiß, wo man was findet und sich alle ungefähr gleich bedienen lassen.  Gerne wieder sehr ähnlich zur BBC: Oben die Menüleiste der ARD (wie ja schon bei den Gemeinschaftsseiten tagesschau.de, sportschau.de, der Börsenseite, …), drunter die jeweilige Landesrundfunkanstalt, aber eben alle mit dem gleichen System und ähnlichem Aufbau. Ich finde, die Seiten des WDR könnten da ein Vorbild sein, alle anderen Seiten so oder so ähnlich zu gestalten. Ich schlage einfach mal vor die Webseiten der BBC-Lokalradios zu besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen. Denn mit Inhalten und Farben kann man schon noch genug selbst gestalten. Warum jede Landesrundfunkanstalt eine Webseite braucht, die sich völlig von den anderen unterscheidet, erschließt sich mir nicht. Teilweise machen dann nochmal einzelne Programme ihr eigenes Ding: So sieht beispielsweise die Seite von SWR3 denen von SWR1, SWR2 und SWR4 nicht ähnlich. Und kürzlich poppte sogar noch ein Fenster in der Seite auf, ich solle doch den Newsletter abonnieren. Außer dem Abo-Knopf funktioniere nur noch, die Seite neu zu laden. Hab keine Möglichkeit gefunden, das Fenster wegzuklicken.

So, kommen wir mal zum Radio an sich. Auch da könnte man – nach dem Vorbild der BBC, vieles verbessern und einsparen. Mein Vorschlag:

  • ARD Radio 1 – die große Popwelle für den Mainstream (bisheriges SWR3, WDR2, NDR2, …), mit Regionalnachrichten zur halben Stunde.
  • ARD Radio 2 – die Popwelle für die etwas älteren Leute (analog zu SWR1, Antenne Brandenburg, hr1, …), mit Regionalnachrichten zur halben Stunde und zwei halbstündigen Regionalsendungen täglich.
  • ARD Radio 3 – eher mit klassischer Musik ausgestattete Kulturwelle (ähnlich zu den ARD-Kulturwellen)
  • ARD Radio 4 – um es analog zur BBC zu machen. Aber wer gerne die bisherige Marke behalten will, gerne: Deutschlandfunk. Kann unverändert weitersenden, aber eben unter dem Dach der ARD. Aber mit eigenständiger Redaktion.
  • ARD Radio 5 – analog zu den bisherigen Infowellen der ARD. Da am besten wie MDR Aktuell (nochmal Hallo, MDR :-)), da auch am Wochenende viele Nachrichten. Die vierte Viertelstunde gehört den regionalen Berichten, in Form von Regionalfenstern (außer in besonderen Nachrichtenlagen).
  • ARD Radio 5 Extra – Spezialsendungen, analog zu „Dokumente und Debatten“ oder auch zu „WDR Event“. Auch Regionalfenster sind möglich.
  • ARD Radio 6 – das bisherige DLF Kultur, das sowieso schon einige Male den Namen gewechselt hat. Auch hier gerne mit Regionalnachrichten.
  • ARD Radio 7 – die anspruchsvolle Jugendwelle, analog zu „Puls“ und „DLF Nova“.
  • ARD Kinderradio – der bisherige „Kiraka“, nur eben bundeswelt.
  • ARD Schlagerradio  – die Nachfrage ist da, es gibt bereits einige Landesrundfunkanstalten, die das im digitalen Radio machen, oft mit viel Musik. Gerne mit Regionalfenstern am Tage. Ist nachts das gemeinsame Nachtprogramm der Regionalprogramme (siehe unten).
  • ARD Regional – die bisherigen Landesrundfunkanstalten veranstalten für jedes Bundesland tagsüber ein Vollprogramm mit bunter Musik und vielen Nachrichten aus dem jeweiligen Bundesland. So kann der SWR beispielsweise „ARD Radio Rheinland-Pfalz“ produzieren, der rbb dann u. a. „ARD Radio Brandenburg“. Jedes dieser Programme sendet mehrfach am Tag Lokalfenster (so macht es SWR4 RP bisher auch schon), in denen dann die Lokalstudios eigene kleine Sendungen produzieren. So wird aus „SWR4 Rheinland-Pfalz Studio Kaiserslautern“ eben „ARD Radio Rheinland-Pfalz Studio Kaiserslautern“. Sendekonzept bleibt komplett gleich.

Klingt viel, ist aber ungefähr genauso viel Programmvielfalt wie bisher für jeden einzelnen Hörer in den Regionen, auch die Regionalnachrichten bleiben in einem weitestgehend gewohnten Umfang. Die Anzahl der produzierten Vollprogramme (die man nun auch alle rund um die Uhr live moderieren könnte!) sinkt aber auf 25 (9 bundesweite und 16 regionale).  Bisher sind es mehr als doppelt so viele.

Mein Vorschlag bedeutet – besonders beim Radio: Einsparen, ohne viel Inhalt zu kürzen. Klar kann das nicht alle freuen, klar kostet das Arbeitsplätze. Aber besser so als den Rundfunk ganz abzuschaffen oder an der Qualität zu sparen. Ich finde, dass mein Vorschlag nicht nur Geld spart, sondern auch für die Nutzer mehr Übersichtlichkeit bedeutet, wo sie denn was finden. Außerdem hätte man so annähernd gleiche Qualität bundesweit. Also nicht eine Infowelle, die am Wochenende moderiert und eine andere, bei der – außer bei Nachrichten, Sport und Übernahmen von anderen Programmen – meist das Band läuft, während woanders moderiert wird. Und ja, wenn es nach mir ginge, bekäme jetzt schon SWR Aktuell mehr Geld und SWR3 weniger. Lieber auch am Wochenende viel Liveprogramm in der Infowelle als Höreraktionen in der Popwelle. Aber mit meinem Reformvorschlag würde sich das ja auch ändern. Klar gingen viele Marken verloren. „SWR3“, „Fritz“, ja sogar das schöne radioeins (und die sind wirklich gut!) fiele weg. Aber da könnte man die Sendungen verteilen auf die neuen Radios 2, 6, 7 und das Regionalprogramm. Das würde ich mir sogar wünschen, weil dann die guten radioeins-Sendungen auch bundesweit Aufmerksamkeit bekämen. Die neuen zusammengelegten Programme wären sowieso ein bisheriges „Best of“ aus den bisherigen Programmen.

Und so ein qualitativ hochwertiger und dennoch sparsamer Entwurf könnte auch die überzeugen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen wollen, weil er ihnen zu groß und zu teuer ist. Es heißt doch immer, die ARD sei nach dem Vorbild der BBC entstanden. Dann sehe ich auch kein Problem, ARD, ZDF und Dradio analog zur BBC umzugestalten (natürlich mit digitalem Programm ;-)).

Aber ich weiß auch, dass es Argumente gegen meinen Reformvorschlag gibt. Bitte lassen Sie uns darüber diskutieren! Schreiben Sie mir unter debatte@dabars.de. Zeigen Sie den Artikel gerne Verantwortlichen in den Rundfunkräten, den Intendanten, Chefredakteurinnen, Ihren Kolleginnen, Hörern, den Leuten in den Parlamenten oder bei der KEF. Auf Wunsch veröffentliche ich auch gerne Ihre Zuschriften! Oder schreiben Sie mir auf Twitter.