Kassettenzeitreise

Audiokassetten können echte Zeitzeugen sein. Zumindest, wenn sie ein Stück Geschichte abbilden. Hörspiele, die ein bestimmtes Bild der Gesellschaft abbilden, Musikkassetten, die eine bestimmte Epoche der Popgeschichte dokumentieren oder auch Hörfunkmitschnitte, in denen nicht nur die Musik stattfindet. Und weil ich vor zehn Jahren oft das laufende Radioprogramm mitschnitt, haben wir heute die Chance, eine kleine Zeitreise zu unternehmen. Zwar in die Neuzeit des Hörfunks, aber immerhin ein Jahrzehnt zurück.

Also dann, ab ins Jahr 2006. Genauer kann ich die Kassette leider nicht zuordnen, die in einer Schublade direkt neben dem Bett schon leicht verstaubte. Unsere Zeitmaschine: Ein altes, rundliches Radio, mit CD-Player, Kassettenschacht und FM-/AM-Empfang. Leider aber mit abgebrochener Antenne, von der nur noch ein kleiner Teil übrig ist. Ich muss mal Jörg Wagner vom „radioeins-Medienmagazin“ fragen, ob ich diesen Antennenstumpf noch erden kann. Aber das hat Zeit, denn wir wollen ja in die Vergangenheit, dafür braucht´s keine Antenne. Schon beim Einlegen der Kassette ins Fach geht´s gefühlt ein paar Jahre zurück. Wie lange habe ich das nicht mehr gemacht? Mit einem Geräusch ähnlich einer Sprungfeder schließt das Fach. Beim Abspielen stelle ich dann fest, dass das Radio technisch nicht mehr ganz in Ordnung ist, denn auf einer Seite des Kopfhörers höre ich alles um einiges lauter. Lösung, zumindest an diesem Gerät: Stecker halb raus, nun höre ich auf beiden Seiten alles gleich laut.
Zunächst verrät mir die Kassette anhand der Jingles, welchen Sender ich da aufgenommen hatte: „RPR1“. An einer Stelle mit Eigenwerbung höre ich mehrfach das Wort „Super-Hits“. Was heißt das eigentlich wörtlich auf Deutsch? Über-Schläge. Und die gab´s damals – so die Werbung im Programm – „im Megamix“, also in großer Mischung. Ob ich gleich Überschläge und Freudensprünge mache? Naja, jedenfalls überschlagen sich die kleinen Rädchen in der Audiokassette ständig. Immerhin! Wir sind übrigens in einer Sendung gelandet, in der man Menschen grüßen kann, die einem am Herzen liegen; in der man Liebesbriefe schreiben kann. Die Sendung lässt also zumindest Herzen höher schlagen. Wie bitte, Mittwochabend haben wir? So spät? Naja, scheint mir in der sechsten Schulklasse nicht geschadet zu haben so spät wach zu bleiben.
Natürlich ist da eine Menge Musik auf dem Band. Auch Songs, an die ich mich nicht mehr so richtig erinnern kann. Beispielsweise: „Pieces of a dream“ von Anastacia. Mich erinnert er an einen ESC-Titel der letzten fünf Jahre. Weiß aber gerade nicht welchen. Mit vier Minuten ist dieser Song in dieser Fassung sowieso zu lang für den Wettbewerb. Später folgen Lieder, die heute noch – wie ich finde zu oft – gespielt werden. Endlich mal ein guter Grund weiterzuspulen. Ist gleich drei Uhr, jedenfalls im Jahr 2016. Damals ging es in Richtung 23 Uhr. Ja, Vorspulen entschleunigt. Bei „SWR3“ war früher fürs Entschleunigen die „Kai-Karsten-Show“ zwischen 14 und 16 Uhr zuständig, aber heute Nacht hilft für zumindest einige Sekunden eine beliebige Audiokassette. Wer mehrere Minuten nach vorne will, muss mehrere Sekunden warten. Kein Mausklick an die gewünschte Stelle, man muss suchen! Eine Chance, sich in Geduld zu üben.
Zeit für die Nachrichten und die Möglichkeit, das Ziel unserer Zeitreise genauer zu definieren: Mittwoch, 4. Januar 2006. Denn „RPR1“ berichtet von einem Schlaganfall des mittlerweile verstorbenen israelischen Politikers Scharon und vom Einsturz eines Hallendaches in Bad Reichenhall. Klack! Oh, schon vorbei? Nein, gibt ja noch Seite B! Also gleich nochmal entspannen, Kassette umdrehen, einsetzen. Aber wir müssen einen Zeitsprung gemacht haben, die Nachrichten laufen schon lange nicht mehr. Beim aktuellen Song ergreife ich die Chance ein paar Toneffekte auszuprobieren. Play langsam herunterdrücken, Play und dann Pause halb herunterdrücken, und so weiter. Hat mir als Kind immer Spaß gemacht und auch oft Bandsalat verursacht, aber heute geht alles gut. Früher hatte ich auch Freude daran ganze Kassetten mit Verkehrsfunk aufzuzeichnen. Warum auch immer, hab bis heute keinen Führerschein. Aber Straßen faszinierten mich schon damals.
Statt einer Moderatorin hören wir aktuell einen Moderator. Aber wir sind gleich wieder in der Sendung mit den Liebesbriefen, so die Ankündigung. Es ist wohl genau einen Tag später. Oh, die Frequenz wechselt! Wir sind nun auf der Mittelwelle gelandet! Und wechseln so schnell das Programm, dass die einzelnen Wortfetzen zusammen überhaupt keinen Sinn machen. Auch hier geht’s kurz um Israel, aber schnell sind wir wieder auf UKW und bei „RPR1“. Dort dürfen wir uns Geschichten aus Liebesbeziehungen anhören. Gibt´s solche Sendungen eigentlich heute noch? Und: Welche der Beziehungen vom 5. Januar 2006 bestehen bis heute? Über 3800 Tage später?
Es folgt ein Song von Juanes. Aber nicht das mit dem schwarzen Hemd, sondern „Volverte a ver“. Ja, eigentlich lerne ich gerade Spanisch. Hab aber nachts keine Ahnung was das heißen könnte. Aah, dieses alte Radio! Jetzt ist alles so laut, dass mir fast die Ohren wegfliegen! Irgendwo an der Lautstärke ist ein Wackelkontakt. Nun habe ich aber genug. Genug Zeit, die Ohren zu schonen und zumindest etwas Zeit zum Schlafen. In fünf Stunden geht´s an der Uni weiter. Mit dem Spanischkurs. Gibt noch einiges an Spanischkenntnissen aufzuholen. Und zwar in 2016.

Kurz vor Veröffentlichung dieses Textes war ich wieder neugierig eine der alten Kassetten zu hören. Und was finde ich? Eine Ausgabe der wunderbaren Reihe „SWR3 Lyrix“ – zum Song „We cry“ von „The Script“! Ich erinnere mich noch heute, wenn ich den Song höre, an die Übersetzung und das Echo bei so manchem Wort. Was ich nicht mehr wusste: Ich hab das auf Kassette! Interessant, dass „SWR3“ nicht wörtlich übersetzt und so ein kleines, neues Kunstwerk entsteht! Und das beste: Es wurde noch nicht depubliziert. Also, viel Spaß beim Lesen!
http://www.swr3.de/musik/lyrix/Script-The-Together-We-Cry/-/id=47416/did=416228/1pd8ez9/index.html